Im Malilangwe Estate im Südosten Simbabwes, unweit der Grenze zu Mosambik, haben sich Felsmalereien erhalten, die bis zu 2000 Jahre alt sein sollen. Sie zeigen Elefanten, Giraffen, Antilopen, Jäger und Krieger, und sie wirken, als wollten sie weniger Geschichten erzählen, als Spuren in der Landschaft hinterlassen. Die Farben, mit denen die San sie auf den Stein brachten, lagen gewissermaßen bereits bereit. In den Sandsteinfelsen ziehen sich eisenhaltige Adern, blutorange und von einer Schönheit, die beinahe absichtsvoll erscheint. Man musste das Gestein nur abschaben, das Pulver mit Eiweiß oder Blut vermengen – und aus einer geologischen Laune wurde Malerei.
Vielleicht beginnt Kunst überhaupt mit solchen Zufällen: mit Augenblicken, in denen jemand in einer Struktur mehr erkennt als bloße Materie. Der Gedanke stellt sich, viele tausend Kilometer entfernt, wieder ein, in einem Museum für Moderne Kunst am Rand von Doha. Dort hat eine türkische Künstlerin ein Regency-Sofa mit einem Stoff bezogen, dessen Fäden scheinbar regellos verlaufen, als hätten auch sie sich eher gefunden als geplant. Vor dem Sofa liegt ein Teppich in Orange- und Rottönen, Farben, die sich übereinander schieben wie Sedimente. Man beginnt unwillkürlich an jene Sandsteinwände in Simbabwe zu denken, an ihre mineralischen Schichten und daran, wie Erinnerung sich selten geradlinig ablagert. Natürlich ist zwischen ihnen und einem Museum in Katar beinahe alles verschieden: Zeit, Ort, Absicht, Publikum. Und doch stellt sich dieselbe eigentümliche Erfahrung ein. Dass Bilder Schichten besitzen, nicht nur aus Farbe, sondern aus Geschichte.